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Q2 2026 7 min Lesezeit

Doch, man kann in die Zukunft schauen.

"Wir können ja nicht in die Zukunft schauen." Diesen Satz höre ich in fast jedem KI-Termin. Klingt nach Vorsicht, ist meistens Stillstand. Fünf Quellen, die mehr über morgen verraten als jede Prognose.

KI-Transformation Zukunftsprognosen Technologieadoption Entscheidungen
Kurzfassung

Der Reflex "wir können ja nicht in die Zukunft schauen" stoppt Entscheidungen, bevor sie jemand getroffen hat. Dabei ist in die Zukunft schauen keine Frage von Hellsehen. Es ist eine Frage der Quellen, die jeder anzapfen kann, der nicht stehen bleiben will.

  • Linear-Bias kennen: Wir extrapolieren geradeaus, die Realität schaukelt sich auf
  • Hinsehen, wo andere schon sind: Early Adopters und angrenzende Branchen leben, was bei dir noch Diskussion ist
  • Muster früherer Reifekurven: Reife läuft in erkennbaren Sequenzen, nicht in Sprüngen aus dem Nichts
  • Selbst experimentieren: Eine Stunde im Tool zeigt mehr als jede Roadmap-Folie
  • Signal von Hype trennen: Wer baut parallel, wer redet gegen das eigene Interesse, was verschwindet still

Der Einwand "wir überschätzen doch ständig" gilt für einzelne Produkte. Die darunterliegende Entwicklung unterschätzen wir trotzdem.

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Der Satz, der in fast jedem meiner Termine fällt, sobald es konkret wird, lautet: "Wir können ja nicht in die Zukunft schauen." Er klingt klug. Er funktioniert wie eine Notbremse. Hinter ihm steckt eine Annahme, die ich nicht teile: dass in die Zukunft schauen ein Ding ist, das entweder geht oder nicht geht.

Geht so nicht auf. Ich kann die Zukunft nicht voraussagen, und ich werde es nicht versuchen. Aber zwischen voraussagen und blind sein gibt es ein paar Meter Boden, und auf diesem Boden bewege ich mich jeden Tag.

Wo der Satz recht hat

Fangen wir mit dem an, was stimmt.

Den langen Horizont kann wirklich niemand lesen. Welches Werkzeug sich durchsetzt, welche Firma in drei Jahren noch existiert: nicht seriös zu beantworten. Wer Anfang 2023 mit Sicherheit gesagt hätte, welche KI-Anbieter heute führen, hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit danebengelegen. Ich versuche solche Prognosen gar nicht erst.

Und das exakte Timing ist eine Lotterie. Ob ein Durchbruch dieses Quartal kommt oder erst in zwei Jahren, hängt an so vielen Faktoren, dass jede genaue Ansage geraten ist. Wer an dieser Stelle Bescheidenheit einfordert, hat recht.

Nur reden wir meistens gar nicht über diese Ebene.

Was der Satz heimlich tut

Wenn jemand sagt "wir können ja nicht in die Zukunft schauen", meint er selten nur "ich kenne das genaue Datum nicht". Er meint: Es ist grundsätzlich unklar, wohin das läuft, also kann ich mich zurücklehnen, bis es klarer wird.

Das ist die Stelle, an der ich aussteige. Weil die Richtung viel lesbarer ist, als der Satz zugibt. Dafür reicht eine Handvoll Quellen, die jeder anzapfen kann, der nicht stehen bleiben will.

Fünf Quellen, die mehr verraten als jede Prognose

Erstens: den eigenen Linear-Bias kennen. Unser Kopf rechnet geradeaus. Was sich dieses Jahr um einen Schritt bewegt hat, bewegt sich nächstes Jahr wieder um einen Schritt, so das Gefühl. Aber technologische Entwicklung läuft selten linear. Sie baut auf sich selbst auf. Ende 2022 habe ich ChatGPT zum ersten Mal benutzt und einen besseren Textbot erwartet. Bekommen habe ich etwas anderes: handelnde Systeme, die Aufgaben übernehmen und Dateien selbst anfassen. Beim Programmieren dasselbe. Ich habe mit Sonnet 3 in Cursor angefangen und hinter der KI aufgeräumt. Heute arbeite ich mit Claude Code, eigenen Skills, über die Kommandozeile. Der Engpass meiner Arbeit ist nicht mehr das Schreiben. Er ist das Entscheiden. Was beide Fälle gemeinsam haben: Ich habe in der falschen Dimension extrapoliert. Wer weiß, dass er das tut, kann es einrechnen.

Zweitens: hinsehen, wo andere schon sind. Es gibt immer Leute, die zwei Jahre weiter sind. Die haben Lernkurven investiert, Fehler gemacht, Erkenntnisse offen geteilt. Ihre Realität ist Alltag, während sie bei den meisten noch Diskussion ist. Wer den Unterschied liest, sieht ziemlich genau, was als nächstes mainstream wird. Dasselbe gilt seitwärts. Was im Code-Bereich heute funktioniert, kommt in zwölf bis achtzehn Monaten in Recht, Buchhaltung, Medizin. Branchen adaptieren unterschiedlich schnell, aber die Reihenfolge ist erstaunlich stabil.

Drittens: Muster aus früheren Reifekurven lesen. Technologie-Reife läuft selten in Sprüngen. Sie läuft in Sequenzen: erst zu klobig und zu teuer, dann nur noch zu klobig oder nur noch zu teuer, dann reibungsfrei genug für den Mainstream. Wer eine solche Sequenz einmal aus eigener Erfahrung mitgemacht hat, erkennt sie wieder. Ich habe in einem Leben Magnetband, Disc und Streaming gesehen. Bei KI sehe ich gerade dieselbe Kurve, nur schneller.

Viertens: selbst experimentieren. Eine Stunde im Tool sagt mehr als jede Roadmap-Folie. Das klingt banal und wird trotzdem konsequent vermieden, weil es Reibung kostet. Ich schreibe seit gut einem Jahr alle Blog-Skizzen im Zusammenspiel mit einem Modell, weil ich den Prozess selbst gegen die Wand gefahren und dann hinbekommen habe. Theoretisches Wissen darüber, dass es geht, hätte mir nichts gebracht. Dabei sehe ich Verschiebungen, die kein Bericht hergibt: wo Reibung verschwindet, wo der Flaschenhals sich bewegt, wo ich plötzlich Dinge tue, die ich vor zwölf Monaten nicht gemacht hätte. Das ist kein Forecast. Es ist ein Live-Stream der Zukunft, der schon angefangen hat.

Fünftens: Signal von Hype trennen. Die lautesten Stimmen, die großen Tech-Konzerne und ihre Vordenker, überschätzen mit voller Absicht. Sie verkaufen die Zukunft, also malen sie sie groß. Wer das weiß, hört anders zu. Drei Fragen helfen. Wo investieren mehrere Konkurrenten unabhängig voneinander in dieselbe Richtung? Wo sagt jemand etwas, das gegen sein eigenes Geschäftsinteresse läuft? Was wird gerade still abgehängt, über das vor einem Jahr noch alle geredet haben? Wer diese drei Fragen vor jedem Trend-Artikel kurz stellt, hört Marketing als Marketing und merkt, wenn etwas Substantielles passiert.

"Aber wir überschätzen doch ständig"

An dieser Stelle wird mir mancher widersprechen, und der Einwand ist berechtigt. Wir überschätzen doch dauernd. Das Metaverse sollte längst unsere Wohnzimmer erobert haben. Selbstfahrende Autos sind seit zehn Jahren "nächstes Jahr so weit". Die Liste der überhypten Technologien ist lang.

Es passt zusammen, sobald man zwei Ebenen trennt. Auf der Produkt-Ebene überschätzen wir oft, getrieben von Marketing und Wunschdenken. Auf der Ebene der darunterliegenden Entwicklung unterschätzen wir trotzdem. Während das Metaverse floppte, hat die zugrunde liegende Rechenleistung, Modellfähigkeit und Verbreitung von KI fast jede nüchterne Prognose von vor drei Jahren überholt. Zwei verschiedene Fehler auf zwei verschiedenen Ebenen, die sich nicht ausschließen.

Genau dafür ist die fünfte Quelle da: Signal von Hype trennen, statt beides in einen Topf zu werfen.

Was ich daraus für meine Entscheidungen ziehe

Ich gehe nicht davon aus, dass das, was mein Bauchgefühl gerade für realistisch hält, in zwei Jahren noch realistisch sein wird. Ich plane für ein Szenario, das sich heute größer anfühlt, als ich es mir vorstellen kann. Genau weil ich weiß, dass ich mir die Zukunft zuverlässig zu klein vorstelle.

Das ist kein Hellsehen. Es ist das Gegenteil. Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich nutze die Quellen, die ich habe, statt sie ungenutzt liegen zu lassen.

Der Satz, mit dem es endet

"Wir können ja nicht in die Zukunft schauen" stimmt für ein paar enge Fragen. Für die meisten Fragen, die in meinen Terminen aufkommen, stimmt es nicht. Es ist meistens ein Stoppschild, das jemand vor sich hinstellt, weil das Hinsehen anstrengender wäre.

Wer fünf Quellen vor sich hat und keine davon anzapft, hat das Hinsehen abbestellt.

Rico Loschke

Rico Loschke

AI Transformation Consultant

Ich begleite Unternehmen auf dem Weg der KI-Transformation. Dabei verbinde ich technisches Know-how mit strategischem Denken.