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Q3 20266 min Lesezeit

Titel verlieren ihr Signal. Sichtbare Arbeit ersetzt sie.

Ein CTO wird "Member of Technical Staff". Freiwillig. Bei den großen KI-Firmen tauschen Führungskräfte ihre Titel gegen eine Bezeichnung, die auch Berufseinsteiger tragen, und verlieren dabei nichts. Ich kenne den Moment, in dem ein Titel aufhört zu tragen, aus eigener Erfahrung. Und ich habe gelernt, was ihn ersetzt: Arbeit, die man vorzeigen kann.

TitelRollenArbeitsmarktKarriere
Kurzfassung

Wenn der Titel nicht mehr signalisiert, was jemand kann, wandert die Beweislast zum Werk. Das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine Verschiebung, auf die man sich vorbereiten kann.

  • Der Flip: Ex-CTOs wechseln freiwillig auf den leeren Titel "Member of Technical Staff". Das Signal kommt von der Adresse, nicht mehr von der Bezeichnung.
  • Die Mechanik: Ein Titel bündelt vier Funktionen: Zuständigkeit, Autorität, Status, Marktwert. Bei den AI-Labs sind alle vier anders gedeckt, deshalb darf er leer sein.
  • Die Kehrseite: Der leere Titel verlagert Risiko auf die Person. Ohne starke Adresse dahinter kostet er Mobilität.
  • Die Antwort: Kein präziserer Titel, sondern ein Kamm-Profil und sichtbare Arbeit. Die Langfassung wird wieder gelesen.
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Im März 2026 wechselt der CTO von Workday zu Anthropic, keine zwölf Monate nach seinem Antritt. Sein neuer Titel: Member of Technical Staff. Dieselbe Bezeichnung tragen dort Absolventen im ersten Berufsjahr. Auf dem Papier ist das ein Abstieg um mehrere Stufen.

Nur liest es niemand so. Bei Anthropic arbeiten auch Ex-CTOs von Instagram, You.com und Adept unter diesem Titel. Wenn Führungskräfte freiwillig eine Bezeichnung abgeben, die nach außen mehr wert ist, hat die Bezeichnung nach außen ihre Funktion verloren. Das Signal kommt dann nicht mehr vom Titel, sondern von der Adresse.

Man kann das als Kuriosität aus dem Silicon Valley ablegen. Ich kann es nicht. Ich kenne den Moment, in dem ein Titel aufhört zu tragen, aus einer viel unspektakuläreren Richtung: nicht als CTO, sondern als jemand, der elf Jahre im selben Unternehmen war, zuletzt mit einer Rolle, die auf eine Visitenkarte passte. Und seit Januar mit einer, die in kein Formular passt.

Elf Jahre mit Visitenkarte

Bis Ende 2025 stand auf meiner Karte Director Automation & AI. Wie viel dieser Titel nebenbei erledigt hat, habe ich erst nach dem Abschied verstanden.

Auf der Konferenz: Er hat mir drei Fragen erspart, bevor sie jemand stellen musste. Rolle, Thema, Relevanz standen schon auf dem Badge.

Im Erstgespräch: Er hat Vertrauen vorfinanziert. Ein Director mit KI im Titel muss nicht erst belegen, dass er das Thema ernsthaft betreibt.

Intern: Er hat Zuständigkeit geklärt. Stand irgendwo Automatisierung drauf, landete es auf meinem Tisch. Niemand musste diskutieren, wessen Thema das ist.

Dann kam der Wechsel in die Selbständigkeit, und mit ihm eine Rolle, die niemand vergibt. KI-Stratege und Builder steht auf keiner Gehaltstabelle und in keinem Organigramm. Es ist eine Selbstzuschreibung. Kein Unternehmen hat sie geprüft, keine HR-Abteilung hat sie eingruppiert. Der ehrliche Teil: Das war zuerst unangenehm. Ein Titel, den dir jemand verleiht, ist ein Urteil von außen. Einer, den du dir selbst gibst, ist erstmal nur eine Behauptung.

Was ein Titel eigentlich abkürzt

Warum funktioniert der leere Titel bei Anthropic und würde in den meisten Unternehmen scheitern? Dafür muss man auseinandernehmen, was ein Titel überhaupt leistet. Es sind vier Funktionen, gepackt in ein einziges Wort.

FunktionDie Frage, die der Titel beantwortet
ZuständigkeitWer macht was?
AutoritätWer entscheidet?
StatusWer gilt intern wie viel?
MarktwertWie liest sich das von außen?

Ein Titel ist eine Abkürzung. Er existiert, damit niemand die Langfassung lesen muss.

Bei den AI-Labs sind alle vier Funktionen anderweitig gedeckt. Zuständigkeit entsteht über Selbstselektion auf Probleme, Autorität über nachgewiesenes Urteil, Status über Reputation aus Output, Marktwert über die Arbeitgebermarke. Deshalb darf der Titel leer sein. Er wird schlicht nicht mehr gebraucht.

Ein Detail zerstört dabei die romantische Lesart: Die internen Levels existieren weiter. Nach allem, was aus Community-Diskussionen nach außen dringt, sind sie nur nicht mehr veröffentlicht. Das ist keine flache Organisation. Das ist Verzicht auf Signal nach außen, bei voller Sortierung nach innen.

Wenn die Abkürzung wegfällt, wandert die Beweislast

Fällt die Abkürzung weg, muss die Langfassung her. Und die Langfassung ist nicht der Lebenslauf. Es ist die Arbeit, die man zeigen kann.

Ich merke das seit einem halben Jahr an der eigenen Auftragslage. Kein Auftrag kam über den Rollennamen. Sie kommen über Dinge, die man ansehen kann: ein Vortrag, den jemand gehört hat, oder ein System, das ich gebaut und gezeigt habe.

Aneesh Raman, Chief Economic Opportunity Officer bei LinkedIn, bringt es auf einen Satz:

Dein Arbeitsergebnis ist der neue Lebenslauf. Die beste Antwort auf die Frage, was du im letzten Halbjahr getan hast, ist eine Geschichte über die Sache, an der du beteiligt warst, und die Stellen, an denen deine Fingerabdrücke drauf sind.

Die Herkunft dieses Satzes ist der eigentliche Punkt. Er kommt von der Plattform, deren Produkt die Berufsbezeichnung im Profilkopf ist. Wenn ausgerechnet dort jemand sagt, der Titel sei nicht mehr der Beleg, ist das keine Randnotiz.

Aber die Kehrseite gehört auf den Tisch, und sie fehlt in fast jedem Text zu diesem Thema. Ein Founder beschreibt auf Hacker News, warum er den einheitlichen Titel in seiner Firma wieder verworfen hat: Recruiter filtern nach Senior, Staff und Principal. Wer diese Marker nicht im Profil hat, fällt beim nächsten Jobwechsel durchs Raster, bevor ein Mensch das Profil überhaupt gelesen hat. Der leere Titel verlagert Risiko vom Unternehmen auf die Person. Bei Anthropic trägt die Adresse dieses Risiko mit. MTS at Anthropic liest sich. Member of Technical Staff bei einer Maschinenbau GmbH liest sich nicht. Und die meisten Menschen arbeiten nun mal nicht bei Anthropic.

Warum ein T-Profil nicht mehr reicht

Bleibt die Frage, was an die Stelle des Titels tritt. Meine Antwort: kein besserer Titel, sondern ein anderes Profil. Ein Titel beschreibt einen Rollenschnitt. Wenn der Schnitt nicht mehr zur Arbeit passt, hilft es nicht, ihn präziser zu beschriften.

Raman hat für das, was dann zählt, einen Begriff, der hängen bleibt: Only-ness. Niemand ist besser darin, du zu sein. Er belegt das an seinem eigenen Werdegang. Drei Fähigkeiten, die einzeln in keine Stellenausschreibung passen: erklärendes Erzählen, Koalitionen bilden, Fachwissen zu wirtschaftlicher Teilhabe. Zusammengesteckt ergeben sie genau eine Rolle, seine. Sein Titel steht in keiner linearen Fortsetzung seiner vorherigen Titel, und genau das ist der Punkt.

Bei Microsoft beschreibt die Verantwortliche für Workforce Transformation die Entwicklung anders. Rollen würden T-förmiger: breite Basis, eine Tiefe. Ich halte das für zu wenig.

T-ProfilKamm-Profil
AufbauBreite plus eine TiefeBreite plus mehrere ausgewählte Tiefen
Antwort aufSpezialisierungRekombination
Wenn die Arbeit sich ändertDie eine Tiefe muss weiter passenDie Zinken werden neu zusammengesteckt

Das T war die Antwort auf eine Arbeitswelt, die Spezialisierung belohnte. Die Arbeitswelt, die gerade entsteht, belohnt etwas anderes: die Fähigkeit, Tiefen neu zu kombinieren, wenn sich die Arbeit ändert. Deshalb setze ich auf den Kamm. Ein Kamm trägt viele Zinken, und jeder Zinken ist eine eigene Tiefe. Wer nur einen einzigen tiefen Zinken an seinem Kamm hat, hat kein Profil, sondern eine Abhängigkeit. Ramans Only-ness ist dasselbe Bild aus anderer Richtung: Was dich unverwechselbar macht, ist selten eine einzelne Tiefe. Es ist die Kombination.

Woran ich arbeite, seit der Titel nichts mehr sagt

Keine Methodenliste. Nur der Bericht, was bei mir tatsächlich etwas verändert hat.

Regelmäßig etwas Sichtbares fertigstellen, auch klein. Sichtbar heißt: Jemand außerhalb kann es ansehen, ohne mich zu fragen. Ein publizierter Artikel, eine Lesson, ein lauffähiges System. Der Unterschied zwischen "ich beschäftige mich mit KI" und "hier, schau" ist der Unterschied, der Aufträge bringt.

Die eigene Arbeit in einem Satz erklären können, der ohne Rollennamen funktioniert. Meiner hat eine Weile gebraucht. Die Arbeit war mir völlig klar, ich musste sie nur jahrelang niemandem erklären. Das hatte der Titel übernommen.

Aufhören, den perfekten Titel zu suchen. Ich habe eine Weile an der Formulierung gearbeitet. Bis mir aufgefallen ist, dass niemand danach fragt. Gefragt wird, was ich für jemanden tun kann und was ich vorzeigen kann. Die Formulierung auf der Website ist seitdem gut genug statt perfekt.

Die Frage, die den Titel ersetzt

Vielleicht bekommst du nie einen leeren Titel. Die Verschiebung dahinter erreicht dich trotzdem, ob als Selbständiger, beim Wechsel oder in einer Organisation, die gerade umbaut.

Die Gegenprobe ist einfach: Was würde jemand über deine Arbeit sagen, der deinen Titel nicht kennt? Nimm die Frage ernst. Wenn die Antwort dünn ausfällt, liegt die Arbeit nicht am Titel, und kein präziserer Rollenname füllt sie auf. Sichtbare Arbeit füllt sie auf.

Der Titel war eine Abkürzung, damit niemand die Langfassung lesen muss. Die Langfassung wird jetzt wieder gelesen. Gut, wenn es eine gibt.

Rico Loschke

Rico Loschke

AI Transformation Consultant

Ich begleite Unternehmen auf dem Weg der KI-Transformation. Dabei verbinde ich technisches Know-how mit strategischem Denken.